Minneapolis (USA) –Schock, Trauer und Wut liegen über Minneapolis. Einen Tag nach den tödlichen Schüssen eines Polizisten auf Renee Good (†37) flackert rohe Wut auf. Die Lage ist explosiv, die Stadt im Ausnahmezustand – so erlebt es BILD-Reporter Herbert Bauernebel bei seinen Recherchen vor Ort.Die dreifache Mutter soll – so das US-Heimatschutzministerium – gegen eine ICE-Razzia protestiert haben. Andere Zeugen bestreiten diese Darstellung und verweisen darauf, sie sei auf dem Heimweg gewesen. Fakt ist:Als Renee Good mit ihrem Wagen, der die Fahrbahn blockierte, anfuhr, feuerte der Beamte.Ob der Schütze schießwütig war oder um sein Leben fürchtete, weil das Auto auf ihn zuhielt – diese Frage spaltet Amerika. Präsident Donald Trump, 79, sprach zwar von „schrecklichen“ Szenen, stellte sich aber hinter den Polizisten.
Eine Razzia der US-Einwanderungsbehörde ICE in Minneapolis (Minnesota) endet tödlich. Die 37-jährige Renee Good, Mutter von drei Kindern, wird von einem Beamten in ihrem Auto erschossen
Der ICE-Beamte erschoss Renee Good (†37) durch die Frontscheibe ihres Wagens.„Meine Wut sitzt so tief, es tut so weh“Bleiern ist die Stimmung am Tatort. Eine spontane Gedenkstätte ist entstanden: Blumen, Kerzen, Botschaften im Schnee. Tafeln, auf denen „Frieden“ steht, „Gerechtigkeit“ und „Erinnerung“. Rui M. legt Andenken nieder und bricht in Tränen aus. Er kannte Renee gut. Sie sei Poetin gewesen, mitfühlend und stets fröhlich. Er stellt sich den Moment des Horrors vor: „So wie ich sie kannte, muss sie beim Anblick der Waffe vor Angst gelähmt gewesen sein.“ Dabei habe sie nur ihre Nachbarn schützen wollen. Der junge Mann aus Guatemala sagt: „Meine Wut sitzt so tief, es tut so weh.“
BILD-Reporter Herbert Bauernebel ist nach den tödlichen Schüssen auf Renee Good nach Minneapolis gereist, hat dort mit Trauernden gesprochen
US-Polizisten haben Stellung bezogen, behalten die Demonstranten im BlickMenschen in Minneapolis gedenken der toten Renee GoodAktivisten organisieren den Straßenblock wie eine Trauermeile. Menschen wärmen sich im frostigen Winter Minnesotas an brennenden Mülltonnen, es gibt Gratis-Pizza und Snacks. Schilder werden gemalt, oft mit deftigen Parolen gegen Trumps harte Migrationspolitik – besonders gegen die Einwanderungsbehörde ICE.Die Szenen vom Mittwoch erinnern an den nur einen Kilometer entfernten Gedenkort nach dem Tod von George Floyd im Jahr 2020. In Minneapolis schwingt auch Paranoia mit: Eine Aktivistin mahnt, vor Interviews zu prüfen, ob konservative Medien dahinterstecken. Der Name „Fox News“ gilt hier besonders als „Trigger“, mit ihnen soll nicht gesprochen werden.
Diese Frau ist völlig in Tränen aufgelöst„Mörder! Mörder!“-Rufe vor ICE-ZentraleAuch die ICE-Zentrale nahe dem Flughafen ist ein Brennpunkt. Eine Phalanx schwer bewaffneter Bundespolizisten blockiert die Einfahrt. Demonstranten provozieren mit Schmährufen und Plakaten. Die Wut kocht. „Verschwindet endlich!“, hallt es, „Mörder! Mörder!“. Sicherheitskräfte schützen die ICE-Beamten, Tränengas wird eingesetzt, es gibt Festnahmen. Doch an diesem Tag explodiert das Pulverfass nicht, trotz aller Anspannung.Auch die ICE-Zentrale nahe des Flughafens ist ein Brennpunkt. Eine Phalanx schwer bewaffneter Bundespolizisten blockiert die Einfahrt. Demonstranten provozieren mit Schmährufen und Plakaten. Die Wut kocht. „Verschwindet endlich!“, hallt es, „Mörder! Mörder!“. Sicherheitskräfte gehen zeitweise vor, Tränengas wird sporadisch eingesetzt, es gibt Festnahmen. Doch an diesem Tag explodiert das Pulverfass nicht, trotz aller Anspannung.
Für viele war der Tod von Renee Good kein tragischer Unfall, sondern Mord.Amerikas Politiker reagiert gespalten auf die tödlichen SchüsseSo detailliert der tödliche ICE-Einsatz auf Videos dokumentiert ist, so weit klaffen die Deutungen auseinander. Das liberale und das konservative Amerika scheinen zwei verschiedene Versionen derselben Tragödie zu sehen. Trump, sein Vize J.D. Vance und Heimatschutzministerin Kristi Noem machten rasch das Opfer verantwortlich: Sie habe Beamte verfolgt, ihr Auto als Waffe benutzt – ein Akt des „Terrors“.Und der Schütze? Der habe in Notwehr gehandelt. Der ganze Fall – damit abgeschlossen, zumindest für das Weiße Haus.In den Straßen von Minneapolis wird das anders gesehen: Für die Menschen hier wurde Good eiskalt ermordet – von einem maskierten, schießwütigen ICE-Polizisten. Es fühlt sich an wie der „George-Floyd-Moment“ der Proteste gegen die Abschiebeoffensive der Trump-Regierung, die seit Monaten andauern.
„Sie war gut“ hat ein Mann auf ein großes Schild geschrieben, mit dem er um Renee Good trauert. Ein stiller Vorwurf gegen den Mann, der auf sie geschossen hatRazzien gegen SomalierBegonnen hatte der Ärger in der Region, als die größte somalische Gemeinde derUSAins Visier konservativer Kritik geraten war. Nach dem Aufdecken von Betrug mit Steuergeldern, besonders bei Kitas und Sozialprogrammen, folgten großangelegte ICE-Razzien – mit 2000 Beamten die bislang größten im Land.Anisa Ali lebt seit 25 Jahren in Minnesota, kam mit 13 aus Somalia. „Sie schrecken nicht einmal vor Schulen zurück“, sagt sie. Das Auftreten gleiche „Soldaten im Krieg“. Die Angst gehe um, die Straßen der somalischen Viertel seien wie ausgestorben.Renee Good floh nach Trumps Wiederwahl nach KanadaRenee Good hinterlässt drei Kinder (15, 12 und sechs Jahre alt) aus zwei Ehen. Später kam sie mit einer Handwerkerin zusammen. Nach Donald Trumps Wahl war die Familie nach Kanada gegangen, kehrte nach acht Monaten in die USA zurück – nach Minneapolis. Am Mittwochmorgen brachte Good ihren sechsjährigen Sohn zur Schule, fuhr zurück, traf auf ICE. Dann war sie tot.Minneapolis wirkt erschöpft an diesem Donnerstag. Es gibt wenig Trost. Der einzige, ganz kleine: Die aktuellen Proteste sind bislang deutlich kleiner als die Unruhen nach dem Tod von George Floyd.