
Die Silvesternacht in Crans-Montana sollte ein Fest der Freude werden, doch sie endete in einem Albtraum aus Feuer, Rauch und Tod. Im Zentrum der Ermittlungen steht nun eine junge Frau, die von den Clubbetreibern wie eine „Schwiegertochter“ geliebt wurde: Die 24-jährige Sian Panin. Neue Zeugenaussagen und Ermittlungsprotokolle enthüllen jetzt die grauenvolle Dynamik jener Nacht, in der 40 Menschen ihr Leben verloren. Während die Justiz mit Untersuchungshaft und massiven Auflagen gegen das Ehepaar Moretti durchgreift, stellt sich eine quälende Frage: War das Inferno die Folge einer zehnjährigen, fatalen Routine?Die Bilder der Überwachungskameras und Augenzeugen-Videos sind verschwommen, doch sie zeigen den Moment vor der Katastrophe mit schrecklicher Klarheit. Eine junge Frau sitzt auf den Schultern eines Kollegen, trägt einen Helm und hält zwei Champagnerflaschen mit brennenden Sprühkerzen in die Höhe. Sekunden später entzündet sich die schalldämmende Decke. Es ist der Beginn eines Infernos, das 40 Todesopfer fordern wird – darunter auch die junge Frau auf dem Video: Sian Panin.

Die „Schwiegertochter“ im Visier der JustizBesonders tragisch ist die persönliche Verbindung zwischen der mutmaßlichen Verursacherin und den Clubbetreibern. Jessica Moretti beschrieb Sian Panin in ihren Vernehmungen unter Tränen als ein Familienmitglied: „Sie war für uns wie eine Schwiegertochter, wie meine kleine Schwester“. Sian war die Freundin eines Kochs, der in einem anderen Betrieb der Morettis arbeitete, und gehörte zum engsten Kreis des Paares.Doch hinter der emotionalen Fassade tobt ein juristischer Kampf. Die Anwälte der verstorbenen Sian Panin positionieren sich eindeutig: Die junge Frau habe lediglich die Anweisungen ihrer Arbeitgeber befolgt. Sie habe vor den Augen der Geschäftsführerin getan, was von ihr verlangt wurde – eine Praxis, die laut Jack Moretti seit rund zehn Jahren „Gang und Gäbe“ war. Die Verteidigung schiebt die Verantwortung somit direkt zu den Betreibern: Sian trage keine Schuld, sie sei lediglich das ausführende Organ einer lebensgefährlichen Routine gewesen.Die Normalisierung des Risikos: Zehn Jahre ohne VorfallJack Moretti gab zu Protokoll, dass Sprühkerzen seit einem Jahrzehnt regelmäßig eingesetzt wurden, um „Stimmung zu machen“. Jessica Moretti fügte hinzu: „Ich habe das nie verlangt, aber auch nie verboten“. Diese Aussage offenbart ein tiefgreifendes Sicherheitsproblem. Was zehn Jahre lang gut ging, wurde zur gefährlichen Normalität erklärt, bis die physikalischen Grenzen der leicht entflammbaren Deckenisolierung in jener Nacht erreicht waren.Augenzeugen berichten, dass das Feuer sich innerhalb von Sekunden ausbreitete. Während einige Gäste das Lokal in nur 15 Sekunden verlassen konnten, entwickelte sich vor der schmalen Treppe zum Ausgang schnell ein tödlicher Stau.Die „Todestreppe“ und das Chaos der RettungDas forensische Institut Zürich liefert eine Bilanz des Grauens: Die große Mehrheit der 40 Todesopfer wurde direkt vor der Treppe oder in den angrenzenden Sitzecken gefunden. Es gab kein Durchkommen mehr. Erschwerend kam hinzu, dass im Moment des Brandausbruchs die Einlasskontrolle am Haupteingang zusammenbrach. Der Security-Mann wurde nach unten gerufen, um bei der Evakuierung zu helfen, was dazu führte, dass ahnungslose Menschen von oben in den brennenden Keller drängten, während die Gäste von unten versuchten zu fliehen. Ein Chaos, das Erinnerungen an die Loveparade-Katastrophe in Duisburg wachruft.Helden und Horrorszenen

Inmitten dieser Finsternis gab es Akte unglaublichen Mutes. Der serbische Türsteher Stefan Ivanovic wird heute als Held gefeiert. Er hätte fliehen können, kehrte aber immer wieder in das brennende Untergeschoss zurück, um Menschen herauszuziehen. Er bezahlte diesen Mut mit seinem Leben. In seinem Heimatort in Serbien wehten die Flaggen auf Halbmast, während hunderte Menschen aus der Schweiz anreisten, um ihm die letzte Ehre zu erweisen.Ein pensionierter Chirurg, John Jack Brugger, schildert Szenen, die selbst erfahrene Mediziner an ihre Grenzen brachten. Er beschreibt den bestialischen Geruch von verbranntem Fleisch und Opfer, deren Atemwege so schwer verkohlt waren, dass Gaumen und Zähne schwarz waren. Er konnte oft keine Zugänge legen, weil die Haut der Verletzten beim Einstich einfach zerbrach.Juristische Konsequenzen: Fluchtgefahr und KautionDie juristischen Mühlen mahlen nun mit aller Härte. Jack Moretti befindet sich aufgrund von Fluchtgefahr in Untersuchungshaft – eine Entscheidung des Zwangsmaßnahmegerichts in Sitten, da Moretti Franzose ist. Seine Frau Jessica bleibt unter strengen Auflagen auf freiem Fuß: Sie musste ihre Ausweispapiere abgeben, darf die Schweiz nicht verlassen und muss sich täglich bei der Polizei melden. Zudem steht eine Kautionszahlung im Raum.Die Gemeinde Crans-Montana wollte ursprünglich als Nebenklägerin auftreten, was ihr jedoch von der Staatsanwaltschaft verweigert wurde. Die Gemeinde sieht sich selbst als Opfer der Tragödie und führt Verstöße gegen Bauvorschriften und das Alkoholgesetz durch die Betreiber an.Der Fall „Le Constellation“ ist eine Mahnung an die Verantwortung von Unternehmern. Er zeigt, dass Routine niemals die Sicherheit ersetzen darf und dass am Ende eines „Stimmungsmachers“ 40 ausgelöschte Leben und eine traumatisierte Region stehen können.